Du musst deine Geschichte nicht beweisen…
Warum es uns so tief berühren kann, wenn andere unsere Erfahrungen infrage stellen. Was emotionale Invalidierung mit unserem Selbstvertrauen zu tun hat und wie wir einander mit mehr Verständnis, Respekt und echter Anerkennung begegnen können.
„War es wirklich so schlimm?“
Vielleicht kennst du diesen Moment.
Du erzählst einem Menschen, dem du vertraust, von etwas, das dich schon lange beschäftigt. Vielleicht von einer verletzenden Erfahrung in deiner Partnerschaft. Von einem Konflikt in deiner Familie. Von einer Grenzüberschreitung am Arbeitsplatz oder von einer gesundheitlichen Belastung, mit der du täglich zu kämpfen hast.
Möglicherweise hast du lange überlegt, ob du überhaupt darüber sprechen möchtest. Hast deine Gedanken sortiert, nach Worten gesucht und dich schließlich getraut.
Und dann kommt eine Antwort, mit der du nicht gerechnet hast.
„So kenne ich ihn überhaupt nicht.“
„Vielleicht bist du da etwas empfindlich.“
„Aber du siehst doch gar nicht krank aus.“
„Andere haben schon ganz andere Dinge erlebt.“
Vielleicht ist es nur ein beiläufiger Satz. Vielleicht sogar gut gemeint.
Und doch kann er etwas in dir auslösen.
Du beginnst zu erklären. Suchst nach weiteren Beispielen, versuchst Zusammenhänge verständlich zu machen, Missverständnisse auszuschließen. Vielleicht relativierst du deine Erfahrungen sogar selbst, um nicht ungerecht oder übertrieben zu wirken.
Während du eigentlich erzählen wolltest, wie es dir geht, bist du plötzlich damit beschäftigt, deine Gefühle und deine Wahrnehmung zu rechtfertigen.
Und irgendwann taucht möglicherweise dieser Gedanke auf:
Vielleicht war es wirklich gar nicht so schlimm?
Mich beschäftigt die Frage, was in solchen Momenten zwischen Menschen geschieht. Und welche Bedeutung es für unsere Beziehung zu uns selbst haben kann, wenn unser Erleben immer wieder angezweifelt, heruntergespielt oder abgewertet wird.
Denn manchmal bleibt es nicht bei einer enttäuschenden Unterhaltung.
Manchmal verändert sich dadurch, wie sehr wir uns selbst noch vertrauen.
Warum es Mut brauchen kann, die eigene Geschichte zu erzählen
Wenn wir einem anderen Menschen etwas Persönliches anvertrauen, teilen wir häufig mehr als eine Information. Wir zeigen etwas von unserem Inneren. Von unseren Gefühlen, unseren Verletzlichkeiten, unserer Geschichte. Gerade nach schwierigen Beziehungserfahrungen kann das eine große Herausforderung sein.
Vielleicht haben wir bereits erlebt, dass unsere Gefühle belächelt, unsere Grenzen übergangen oder unsere Wahrnehmungen infrage gestellt wurden. Vielleicht haben wir gelernt, vorsichtig zu sein, wenn wir über unsere Bedürfnisse sprechen.
Und manchmal ist die Sorge vor der Reaktion des Gegenübers größer als der Wunsch, endlich darüber zu reden.
Was wird dieser Mensch von mir denken?
Wird er mich verstehen?
Wird er mich vielleicht anders sehen?
Aus einer bindungsorientierten Perspektive berührt das eine grundlegende menschliche Frage: Kann ich mich einem anderen Menschen mit etwas Schwierigem zeigen und dabei in Verbindung bleiben?
Die Antwort darauf ist nicht für alle Menschen gleich.
Frühere Beziehungserfahrungen können mitprägen, ob wir uns in solchen Momenten sicher fühlen, Unterstützung erwarten oder lieber schweigen.
Und genau dieses Schweigen verdient unsere Aufmerksamkeit.
Manche Menschen haben längst aufgehört, ihre Geschichte zu erzählen
Nicht jeder Mensch, der etwas Belastendes erlebt hat, spricht darüber.
Manche haben bereits so häufig erfahren, dass ihre Wahrnehmung angezweifelt wurde, dass sie irgendwann aufhören, sich zu erklären. Sie sagen vielleicht „Es ist schon okay“, obwohl es das nicht ist. Sie wechseln das Thema, wenn jemand nachfragt. Sie wirken nach außen stark, selbstständig und verständnisvoll, während sie innerlich vieles mit sich allein ausmachen.
Natürlich kann Schweigen viele Gründe haben. Nicht jeder Mensch möchte über persönliche Erfahrungen sprechen, und niemand ist verpflichtet, seine Geschichte offenzulegen. Doch manchmal steckt dahinter eine schmerzhafte Lernerfahrung:
Es ist leichter, nichts zu erzählen, als wieder erklären zu müssen, warum mich etwas verletzt hat.
Deshalb sollten wir uns nicht nur fragen, wie wir reagieren, wenn sich uns jemand anvertraut. Sondern auch, welche Erfahrungen Menschen in unserer Gegenwart machen, und ob sie sich grundsätzlich sicher genug fühlen können, etwas von sich zu zeigen.
Emotionale Invalidierung: Wenn unsere Gefühle ihre Berechtigung verlieren sollen
In der Psychologie gibt es einen Begriff für eine Erfahrung, die viele Menschen kennen, ohne sie bisher benennen zu können: emotionale Invalidierung.
Gemeint ist damit, dass das emotionale Erleben eines Menschen abgewertet, zurückgewiesen oder als unangemessen behandelt wird.
Das kann offensichtlich geschehen.
„Stell dich nicht so an.“
„Du übertreibst mal wieder.“
„Dafür gibt es wirklich keinen Grund, traurig zu sein.“
Manchmal ist die Entwertung jedoch wesentlich subtiler.
Eine Frau erzählt, wie erschöpft sie nach ihrer Arbeit ist. Ihr Gegenüber antwortet: „Andere arbeiten schließlich auch Vollzeit.“
Ein Mensch mit chronischen Schmerzen berichtet von seinen täglichen Einschränkungen und hört: „Du musst einfach positiver denken.“
Eine Tochter versucht, eine verletzende Kindheitserfahrung anzusprechen. Die Antwort lautet: „Deine Mutter hat doch immer alles für dich getan.“
Und eine Frau, die von wiederholten Grenzüberschreitungen in ihrer Beziehung erzählt, wird gefragt: „Warum bist du dann so lange geblieben?“
Diese Situationen sind nicht gleichzusetzen. Unterschiedliche Erfahrungen haben unterschiedliche Ursachen, Auswirkungen und möglicherweise auch rechtliche Bedeutungen.
Doch ihnen kann etwas gemeinsam sein:
Der Fokus verschiebt sich vom Erleben eines Menschen auf die Frage, ob dieses Erleben überhaupt angemessen oder berechtigt ist.
Anstatt neugierig zu werden, was eine Erfahrung für jemanden bedeutet, beginnen wir, sie zu bewerten.
Dabei dürfen zwei Menschen dieselbe Situation durchaus unterschiedlich wahrnehmen. Wir müssen nicht jede Interpretation teilen, um die Gefühle des anderen ernst zu nehmen. Und wir müssen auch nicht sofort entscheiden, wer recht hat. Manchmal ist es zunächst wesentlich hilfreicher, verstehen zu wollen.
Wenn das Umfeld zusätzlichen Schmerz verursacht
Bei Menschen, die Gewalt erlebt haben, können abwertende Reaktionen eine besondere Bedeutung bekommen.
Führen der Umgang mit Betroffenen oder institutionelle Reaktionen nach einer Gewalterfahrung zu zusätzlichen Schädigungen, wird unter bestimmten Voraussetzungen von sekundärer Viktimisierung gesprochen.
Das kann beispielsweise geschehen, wenn Menschen für die erlebte Gewalt verantwortlich gemacht, beschämt oder durch unsensible Befragungen zusätzlich belastet werden.
Nicht jede ungeschickte Bemerkung ist bereits eine sekundäre Viktimisierung. Doch gerade nach Gewalterfahrungen ist ein respektvoller, sorgfältiger Umgang besonders wichtig.
Denn wer bereits Grenzverletzungen erfahren hat, sollte nicht zusätzlich darum kämpfen müssen, überhaupt mit Würde behandelt zu werden.
Was die Forschung über die Reaktionen anderer Menschen zeigt
Dass die Reaktion unseres Umfelds bedeutsam ist, zeigt auch die psychologische Forschung.
Die Wissenschaftlerinnen Emily Dworkin, Charlotte Brill und Sarah Ullman untersuchten 2019 in einer Metaanalyse die Ergebnisse von 51 Studien zu sozialen Reaktionen auf die Offenlegung zwischenmenschlicher Gewalt.
Dabei zeigte sich ein Zusammenhang zwischen negativen Reaktionen und stärkerer psychischer Belastung.
Besonders relevant waren Reaktionen, bei denen Betroffene kontrolliert, von ihren Erfahrungen abgelenkt oder nach dem Erzählen anders behandelt wurden.
Interessanterweise zeigten positive Reaktionen in dieser Metaanalyse keinen durchgehend nachweisbaren Schutzeffekt gegenüber psychischen Belastungsfolgen.
Diese Ergebnisse erlauben keine einfachen Ursache-Wirkungs-Schlüsse. Sie bedeuten auch nicht, dass liebevolles Zuhören wirkungslos wäre. Aber sie zeigen, dass wir genauer hinsehen sollten, wie Unterstützung tatsächlich erlebt wird.
Eine weitere Untersuchung von Thoresen und Kolleginnen und Kollegen aus dem Jahr 2025 betrachtete 173 Frauen, die innerhalb der vorangegangenen sechs Monate sexualisierte Gewalt erlebt und jemandem davon erzählt hatten.
Auch hier zeigte sich, dass bestimmte Reaktionen, die eine Erfahrung zwar anerkannten, zugleich aber bevormundend oder wenig unterstützend waren, mit stärkeren posttraumatischen Belastungsreaktionen zusammenhingen. Die Studie war eine Querschnittsuntersuchung und kann daher keine eindeutigen Kausalzusammenhänge belegen.
Beide Untersuchungen beziehen sich auf zwischenmenschliche beziehungsweise sexualisierte Gewalt. Ihre Ergebnisse können uns wichtige Denkanstöße für andere belastende Beziehungserfahrungen geben, sind jedoch nicht uneingeschränkt auf jede Alltagssituation übertragbar.
Für mich steckt darin eine wichtige Erkenntnis:
Es reicht nicht immer, dass wir helfen wollen. Entscheidend ist auch, ob sich der andere Mensch durch unsere Reaktion respektiert, verstanden und in seiner Selbstbestimmung geachtet fühlt.
Warum gut gemeinte Hilfe manchmal zusätzlichen Druck erzeugt
Stell dir vor, eine Frau erzählt ihrer Freundin von belastenden Erfahrungen in ihrer Partnerschaft.
Die Freundin hört aufmerksam zu, ist betroffen und reagiert sofort: „Das ist ja furchtbar. Du musst dich unbedingt trennen. Am besten sofort!“
Die Freundin meint es gut. Sie möchte helfen, beschützen, vielleicht sogar verhindern, dass noch mehr geschieht.
Und doch kann ihre Reaktion etwas Schwieriges auslösen.
Denn möglicherweise ist die Frau gerade noch gar nicht an dem Punkt, an dem sie eine Entscheidung treffen kann oder möchte. Vielleicht muss sie erst verstehen, was sie erlebt. Vielleicht spielen Kinder, finanzielle Abhängigkeiten, Ängste oder andere Lebensumstände eine Rolle.
Und vielleicht hat sie in ihrer Beziehung bereits häufig erfahren, dass andere über ihre Bedürfnisse und Entscheidungen hinweggegangen sind.
Jetzt begegnet sie erneut jemandem, der ihr sagt, was sie tun muss. Dabei möchte sie möglicherweise zunächst einfach gehört werden.
Wir können einem Menschen glauben und ihn trotzdem bevormunden.
Diese Unterscheidung halte ich für wesentlich.
Unterstützung bedeutet auch, die Handlungsfähigkeit und Selbstbestimmung eines Menschen zu achten. Natürlich gibt es Situationen, in denen unmittelbarer Schutz notwendig ist. Wenn jemand akut gefährdet ist, kann konkrete Hilfe entscheidend sein.
Doch auch dann sollten die Wünsche, Möglichkeiten und die Sicherheit der betroffenen Person so weit wie möglich im Mittelpunkt stehen.
Gerade nach Erfahrungen von Kontrolle und Fremdbestimmung kann es bedeutsam sein, wieder selbst Einfluss auf das eigene Leben nehmen zu dürfen.
Wenn die Zweifel anderer zu unseren eigenen werden
Vielleicht kennst auch du das Gefühl, dich ständig erklären zu müssen. Du sagst Nein und lieferst gleich mehrere Gründe mit. Du bist erschöpft und überlegst, ob du überhaupt genug geleistet hast, um müde sein zu dürfen. Du fühlst dich verletzt und suchst zunächst nach Argumenten, die dein Gefühl rechtfertigen. Du spürst, dass dir eine Beziehung nicht guttut, zweifelst aber an deiner Einschätzung, weil du keinen eindeutigen Beweis dafür findest.
Wenn unsere Gefühle und Wahrnehmungen über längere Zeit wiederholt infrage gestellt werden, kann das unser Vertrauen in uns selbst beeinflussen.
Aus neurosystemischer und bindungsorientierter Sicht lohnt sich dabei ein Blick auf die Schutzstrategien, die Menschen in ihren Beziehungen entwickeln.
Wer beispielsweise gelernt hat, dass Widerspruch zu Konflikten, Ablehnung oder dem Verlust von Zuwendung führen kann, versucht möglicherweise, Spannungen frühzeitig zu erkennen. Er beobachtet die Stimmung anderer besonders aufmerksam, erklärt sich ausführlich oder stellt eigene Bedürfnisse zurück.
Solche Verhaltensweisen können in früheren Lebenssituationen geholfen haben, mit belastenden Beziehungen zurechtzukommen. Doch was einst hilfreich war, kann sich später wie eine innere Begrenzung anfühlen.
Vielleicht fällt es uns schwer, Entscheidungen zu treffen, ohne jemanden um Bestätigung zu bitten. Vielleicht vertrauen wir dem Urteil anderer mehr als unserem eigenen Empfinden. Oder wir haben längst begonnen, mit uns selbst so zu sprechen, wie andere früher mit uns gesprochen haben.
„Du bist zu empfindlich.“
„Das ist doch kein Grund, traurig zu sein.“
„Andere schaffen das schließlich auch.“
Nicht jeder Selbstzweifel hat diese Ursache. Und nicht jede Anpassungsreaktion lässt sich auf eine Traumafolge zurückführen. Aber es kann entlastend sein, bestimmte Muster nicht vorschnell als persönliche Schwäche zu betrachten.
Manchmal erzählen sie etwas darüber, welche Erfahrungen wir gemacht haben und wie wir gelernt haben, mit ihnen umzugehen.
Vielleicht beginnt Veränderung deshalb mit einer neuen Frage: Woher kenne ich eigentlich die Art, wie ich mit mir selbst spreche?
Anerkennung bedeutet nicht, immer derselben Meinung zu sein
An dieser Stelle möchte ich einen Unterschied besonders deutlich machen. Einem Menschen mit Respekt und Anerkennung zu begegnen, bedeutet nicht, jede seiner Aussagen, Interpretationen oder Schlussfolgerungen ungeprüft zu übernehmen.
Wir dürfen Fragen haben. Wir dürfen Situationen anders wahrnehmen. Und wir dürfen uns bewusst sein, dass Erinnerungen und Wahrnehmungen menschlich und damit nicht unfehlbar sind.
Doch wir können unterscheiden zwischen dem Erleben eines Menschen und unserer Bewertung dessen, was geschehen ist.
Wenn eine Freundin erzählt, dass sie eine Bemerkung ihres Partners verletzt hat, müssen wir nicht sofort beurteilen, ob dieser tatsächlich verletzen wollte. Wir können zunächst verstehen wollen, was die Situation in ihr ausgelöst hat.
Denn die Absicht eines Menschen und die Wirkung seines Verhaltens sind unterschiedliche Aspekte einer Erfahrung. Beide können für das Verständnis wichtig sein. Aber sie müssen nicht gleichzeitig geklärt werden.
Anerkennung bedeutet in diesem Zusammenhang, das subjektive Erleben eines anderen Menschen als bedeutsam zu behandeln. Du musst mich nicht erst davon überzeugen, dass deine Erfahrung schlimm genug war, damit ich dir mit Würde und Zugewandtheit begegne.
Diese Haltung lässt Raum für Gefühle, Fragen und unterschiedliche Perspektiven. Und sie bewahrt uns davor, vorschnell über Menschen und ihre Geschichten zu urteilen.
Warum uns echtes Zuhören manchmal so schwerfällt
Vielleicht hast du selbst schon einmal erlebt, dass dir ein Mensch etwas Belastendes erzählt hat und du plötzlich nicht wusstest, was du sagen sollst.
Vielleicht warst du traurig, wütend oder hilflos. Vielleicht wolltest du die Situation sofort verbessern oder eine Lösung finden. Das ist menschlich.
Manchmal berühren die Erfahrungen anderer unsere eigenen Ängste oder Erinnerungen. Manchmal erschüttern sie unser Bild von einer Person, die wir selbst ganz anders kennen. Und manchmal fällt es uns schwer auszuhalten, dass es für eine belastende Situation keine schnelle Lösung gibt.
Dann versuchen wir vielleicht, sie kleiner zu machen. „So schlimm wird es schon nicht sein.“
Oder wir möchten das Erzählte möglichst schnell in eine positive Richtung lenken. „Versuch doch, das Gute darin zu sehen.“
Dahinter kann der Wunsch stehen, dem anderen Menschen zu helfen. Es kann aber auch ein Versuch sein, die eigene Hilflosigkeit zu reduzieren. Welche Motive tatsächlich hinter einer Reaktion stehen, lässt sich aus einem einzelnen Satz nicht zuverlässig erkennen.
Deshalb finde ich es wichtig, auch hier differenziert zu bleiben. Wir können Verständnis dafür entwickeln, dass Zuhören manchmal schwerfällt.
Die Verantwortung für unsere Reaktionen bleibt trotzdem bei uns.
Und die Person, die etwas Belastendes erzählt, muss nicht zuerst die Gefühle ihres Gegenübers auffangen.
Vielleicht dürfen wir lernen, dass wir schwierige Gefühle nicht immer sofort verändern müssen.
Manchmal reicht es zunächst, dazubleiben, zuzuhören und gemeinsam auszuhalten, dass eine Erfahrung schmerzhaft war.
Was echtes Zuhören bedeuten kann
Die Weltgesundheitsorganisation hat für die Erstunterstützung von Frauen nach Gewalt den sogenannten LIVES-Ansatz entwickelt.
Er richtet sich ursprünglich an Fachpersonen im Gesundheitswesen und umfasst fünf grundlegende Elemente: empathisch zuhören, Bedürfnisse erfragen, das Erleben anerkennen, Sicherheit unterstützen und Zugang zu weiterer Hilfe ermöglichen.
Auch außerhalb professioneller Hilfesituationen können wir aus dieser Haltung etwas lernen. Denn respektvolles Zuhören beginnt oft bei einer einfachen Frage: Was braucht dieser Mensch gerade von mir?
Vielleicht möchte jemand seine Erfahrung erst einmal aussprechen. Vielleicht möchte er gemeinsam nachdenken. Vielleicht braucht er Informationen oder Unterstützung bei einer konkreten Entscheidung. Und vielleicht möchte er einfach, dass ein anderer Mensch für einen Moment an seiner Seite bleibt.
Wir dürfen nachfragen. „Möchtest du mir mehr darüber erzählen?“ „Was beschäftigt dich daran gerade am meisten?“ „Möchtest du, dass ich einfach zuhöre, oder sollen wir gemeinsam überlegen, was dir helfen könnte?“ Solche Fragen ermöglichen es dem anderen Menschen, selbst zu bestimmen, wie das Gespräch weitergeht.
Ebenso wichtig ist es, die eigenen Grenzen zu achten. Wir müssen keine therapeutische Rolle übernehmen, um mitfühlend zu sein. Wir dürfen uns Unterstützung holen, wenn uns eine Geschichte überfordert. Dabei gilt es, die Vertraulichkeit persönlicher Informationen zu respektieren. Und wir dürfen anerkennen, dass manche Erfahrungen professionelle Begleitung benötigen.
Zugewandtheit bedeutet nicht, alles lösen zu können. Sie zeigt sich auch darin, die eigenen Möglichkeiten und Grenzen zu kennen.
Wenn wir selbst einmal nicht gut zugehört haben
Wir werden nicht in jedem Gespräch die richtigen Worte finden.
Vielleicht haben wir vorschnell einen Rat gegeben.
Vielleicht haben wir eine Erfahrung relativiert, weil wir selbst verunsichert waren.
Oder wir haben die Gefühle des anderen Menschen übersehen, weil wir zu sehr mit unseren eigenen Reaktionen beschäftigt waren.
Auch solche Momente gehören zu menschlichen Beziehungen.
Doch wir können Verantwortung dafür übernehmen.
Vielleicht, indem wir später noch einmal auf das Gespräch zurückkommen. „Ich habe über unser Gespräch nachgedacht. Ich glaube, ich habe dir viel zu schnell einen Rat gegeben, obwohl du mir eigentlich erzählen wolltest, wie es dir geht.“
Oder: „Ich habe deine Erfahrung vorschnell relativiert. Das tut mir leid. Wenn du möchtest, würde ich dir gerne noch einmal zuhören.“
Wir können eine misslungene Reaktion nicht ungeschehen machen. Aber wir können zeigen, dass uns der andere Mensch und sein Erleben wichtig sind. Und dass wir bereit sind, unser Verhalten zu reflektieren und zu verändern.
Auch darin liegt eine Form von Beziehungsfähigkeit.
Wie Vertrauen in die eigene Wahrnehmung wieder wachsen kann
Was kann sich verändern, wenn wir nach belastenden Beziehungserfahrungen Menschen begegnen, die unsere Gefühle ernst nehmen, ohne uns zu bevormunden?
Vielleicht entsteht zunächst etwas ganz Ungewohntes.
Wir erzählen von einer schwierigen Situation und müssen uns nicht sofort rechtfertigen.
Wir sagen, dass uns etwas verletzt hat, und niemand erklärt uns, weshalb wir anders empfinden sollten.
Wir äußern einen Wunsch, und unser Gegenüber interessiert sich dafür, statt ihn zu bewerten.
Solche Begegnungen können neue Beziehungserfahrungen ermöglichen. Sie können dazu beitragen, dass wir unsere Gefühle und Bedürfnisse allmählich anders wahrnehmen. Nicht als etwas, das ständig überprüft und verteidigt werden muss. Sondern als wichtige Informationen über unser inneres Erleben.
Dabei bedeutet Selbstvertrauen nicht, immer recht zu haben. Es bedeutet auch nicht, jede körperliche Empfindung oder jeden Gedanken unmittelbar als eindeutige Wahrheit zu betrachten. Vielmehr geht es darum, uns selbst mit Offenheit und Interesse zu begegnen. Unsere Gefühle wahrzunehmen, Zusammenhänge zu verstehen und bei Bedarf unsere Einschätzungen zu überprüfen.
Ohne uns dabei grundsätzlich infrage zu stellen.
Vielleicht darf aus der Frage „Bin ich zu empfindlich?“ langsam etwas anderes werden: „Was hat mich in dieser Situation berührt, und was könnte ich gerade brauchen?“
Vielleicht entsteht mehr Raum zwischen einem Gefühl und der Bewertung dieses Gefühls.
Mehr Verständnis für die eigenen Reaktionen.
Mehr Freiheit, Entscheidungen zu treffen, die sich an den eigenen Bedürfnissen und Werten orientieren.
Diese Entwicklung verläuft nicht bei jedem Menschen gleich. Und unterstützende Beziehungen allein können nicht alle Folgen schwerer Belastungen auffangen. Aber sie können ein bedeutsamer Teil davon sein, wieder mehr Vertrauen in sich selbst und andere Menschen zu entwickeln.
Wenn du Unterstützung brauchst
Manche Erfahrungen lassen sich nicht allein durch ein verständnisvolles Gespräch auffangen. Besonders wenn du Gewalt, Bedrohung oder wiederholte Grenzverletzungen erlebt hast oder noch erlebst, kann es hilfreich sein, dich an eine spezialisierte Beratungsstelle zu wenden.
Du musst deine Erfahrungen dafür nicht bereits vollständig einordnen können.
Auch wenn du unsicher bist, ob das, was du erlebst, Gewalt ist, darfst du dir Beratung und Orientierung holen.
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – 116 016
Bundesweit, kostenlos, anonym und vertraulich. Das Hilfetelefon ist rund um die Uhr erreichbar. Auch Angehörige, Freundinnen, Freunde und andere unterstützende Personen können sich dort beraten lassen.
Website: https://www.hilfetelefon.de
Beratungsstelle FeroXia in Celle
Die Beratungsstelle unterstützt unter anderem bei häuslicher und psychischer Gewalt sowie in schwierigen Trennungs- und Lebenssituationen.
Südwall 4b, 29221 Celle
Telefon: 05141 25788
Website: https://frauenhaus-celle.de
Frauenhaus Celle e. V.
Das Frauenhaus bietet Schutz und Unterstützung für Frauen, die von häuslicher Gewalt betroffen sind. Informationen und Kontaktmöglichkeiten findest du ebenfalls unter:
Wenn du akut bedroht bist, wende dich bitte an die Polizei unter 110.
Du darfst dir Unterstützung holen, auch wenn du noch nicht weißt, wie dein nächster Schritt aussehen soll.
Eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Geschichte nicht beweisen müssen
Im Juli habe ich auf Instagram einen Gedanken geteilt, der mich bis heute begleitet:
„Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Menschen ihre Geschichte nicht erst beweisen müssen, bevor ihnen geglaubt wird.“
Für mich steckt in diesem Wunsch eine grundlegende Haltung.
Eine Haltung, die Menschen mit ihren Erfahrungen, Gefühlen und Bedürfnissen ernst nimmt.
Die anerkennt, dass Verletzlichkeit Teil unseres Menschseins ist.
Und die versteht, dass wir füreinander eine große Bedeutung haben können – gerade in den Momenten, in denen wir etwas Schwieriges miteinander teilen.
Dabei geht es um weit mehr als die Frage, ob wir jemandem glauben. Es geht um Würde. Um Respekt. Um die Bereitschaft, zuzuhören, auch wenn wir noch nicht alles verstehen. Und um die Fähigkeit, einen Menschen in seiner Selbstbestimmung zu achten, selbst wenn wir seine Entscheidungen vielleicht anders treffen würden.
Diese Haltung ist auch ein wesentlicher Bestandteil meiner Arbeit bei Goldseele.
Ich begleite Menschen, die nach belastenden oder dysfunktionalen Beziehungserfahrungen ihre Beziehung zu sich selbst, zu anderen und zum Leben neu gestalten möchten.
Dabei geht es darum, eigene Muster besser zu verstehen, Bedürfnisse wieder bewusster wahrzunehmen und neue Handlungsmöglichkeiten zu entwickeln.
Traumasensibel, nervensystemorientiert und mit Respekt für die individuelle Geschichte eines Menschen. Coaching kann dabei Orientierung und persönliche Entwicklung unterstützen. Die Behandlung psychischer Erkrankungen und Traumafolgestörungen gehört in entsprechend qualifizierte therapeutische oder ärztliche Hände.
Was mir bei jeder Begegnung besonders wichtig ist:
Ein Mensch muss seine Geschichte nicht erst beweisen, einordnen oder mit einer bestimmten Bezeichnung versehen können, um mit seinem Erleben willkommen zu sein.
Vielleicht können wir alle dazu beitragen, dass sich etwas verändert. Indem wir weniger vorschnell bewerten. Indem wir neugieriger fragen. Indem wir die Erfahrungen anderer nicht automatisch an unseren eigenen Maßstäben messen. Und indem wir uns bewusst machen, dass hinter jeder Geschichte ein Mensch steht, der seine eigenen Gründe hat, zu fühlen, zu schweigen, zu erzählen oder sich Zeit zu nehmen.
Wir können die Vergangenheit eines Menschen nicht verändern.
Aber wir tragen Verantwortung dafür, wie wir ihm begegnen, wenn er sie mit uns teilt.
Für ein Leben im Goldseele-flow,
deine Ina
P. S. Wenn du tiefer eintauchen möchtest …
Vielleicht hast du dich in einigen Gedanken dieses Artikels wiedererkannt. Vielleicht möchtest du besser verstehen, warum wir manchmal an unserer eigenen Wahrnehmung zweifeln, uns ständig rechtfertigen oder in Beziehungen bleiben, die uns längst nicht mehr guttun.
In diesen Goldseele-Artikeln findest du weitere Perspektiven:
Du sagst Nein – und lieferst gleich die Beweisakte mit – Warum es uns so schwerfallen kann, eigene Grenzen ohne ausführliche Erklärungen und Schuldgefühle zu vertreten.
Eine Beziehung muss nicht toxisch sein, damit sie dir nicht mehr guttut – Warum du keinen eindeutigen Schuldigen und keinen Beweis dafür brauchst, dass du eine Beziehung verändern oder verlassen darfst.
Wenn ich dich zerstören wollte: als Mutter zu dir, meiner Tochter – Wie frühe emotionale Abwertung und familiäre Beziehungsmuster dazu beitragen können, dass wir unserer eigenen Wahrnehmung irgendwann nicht mehr vertrauen.
Jeder dieser Artikel beleuchtet einen anderen Aspekt unserer Beziehung zu uns selbst und zu anderen – und die Möglichkeit, wieder mehr Vertrauen in das eigene Erleben zu entwickeln.
Wissenschaftliche Grundlagen und weiterführende Informationen
Dworkin, E. R., Brill, C. D. & Ullman, S. E. (2019). Social reactions to disclosure of interpersonal violence and psychopathology: A systematic review and meta-analysis. Clinical Psychology Review, 72, 101750.
https://doi.org/10.1016/j.cpr.2019.101750
Thoresen, S., Blix, I., Johnsen, G. E., Wentzel-Larsen, T. & Ullman, S. E. (2025). Social reactions to disclosure and perceived social support are each uniquely associated with mental health in the first 6 months following sexual assault.Frontiers in Psychology, 16, 1648804.
https://doi.org/10.3389/fpsyg.2025.1648804
World Health Organization (WHO). Health workers: Listening when women need it most. Informationen zum LIVES-Ansatz für die Erstunterstützung nach Gewalterfahrungen.
https://www.who.int/news-room/commentaries/detail/health-workers-listening-when-women-need-it-most
Hinweis: Die genannten Studien beziehen sich überwiegend auf zwischenmenschliche beziehungsweise sexualisierte Gewalt. Die im Artikel beschriebenen weiteren Lebenssituationen dienen dazu, ähnliche zwischenmenschliche Erfahrungen verständlich zu machen, ohne diese wissenschaftlich oder hinsichtlich ihrer Schwere gleichzusetzen.

